Weimarer Republik

Gehversuche und Umwege einer Demokratie

Eine Nachkriegs-Republik erfindet sich selbst

Mit den deutschen Armeen verloren auch die regierenden Fürsten den Krieg, dankten – gottseidank ohne Gegenwehr – ab und überließen den Friedensschluss sowie das politische, soziale und kulturelle „Erbe“ des Krieges – jener „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ – bürgerlichen und sozialdemokratischen Politikern. Diese ergriffen beherzt die Chance, ein „neues Deutschland“ in Form einer demokratischen Republik zu schaffen. Erstmals hatten Jugendliche und Frauen dabei ein Wort mitzureden; sie durften nun wählen.
Der Alltag der meisten Deutschen blieb noch länger vom Krieg gezeichnet: Trauer um die Toten, Sorge um die Kriegsversehrten, massive Versorgungsengpässe, die Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft und bürgerkriegsähnliche Wirren charakterisierten die Anfangsjahre der „Weimarer Republik“. Aufbrüche und Abgründe heißt treffend ein neues Handbuch zu deren Geschichte lagen dicht beieinander.

Das „Bauhaus“, die „Goldenen Zwanziger“, die „neue Frau“, „Jugend“ und „Babylon Berlin“ wurden Chiffren eines neuen Lebensgefühls und neuer Lebensformen, wobei der Stadt-Land-Gegensatz in Rechnung zu stellen ist. Politisch und sozial blieb die Gesellschaft allerdings tief gespalten. Militärs, alte Eliten in Adel, Parteien und Verwaltung sowie deutschnationale Bürger hielten Distanz zum demokratischen Experiment und verweigerten ihm gegen Ende der 1920er Jahre zunehmend die Legitimation und Unterstützung. Letztendlich triumphierten „Schwarz-Weiß-Rot“ und die Fahnen kommunistischer, nationalsozialistischer sowie paramilitärischer Organisationen über die demokratisch regierte Zivilgesellschaft und deren „Schwarz-Rot-Gold“.

Dresden, Albertinum, Ernst Ludwig Kirchner, Eisenbahnüberführung Löbtauer Straße in Dresden | Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)

Es ist ein Kennzeichen der deutschen Erinnerungskultur, dass bis vor wenigen Jahren die Weimarer Republik immer von deren Ende und Untergang her gedeutet und verstanden worden ist. Vergessen und zu gering geschätzt aber wurde damit der Mut des Neuanfangs 1918/19, die Courage „mündiger“ Bürger, die der Demokratie das Laufen beibrachten – und das von vielen der damaligen Zeitgenossen tief empfundene Glück, in einem freien Land in Frieden leben zu können.