Als aus Sachsen Deutsche wurden – 150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg

Ereignis – Bedeutung – Nachwirkung

Anders als das Wissen um und das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, an Völkermord, Shoah und Vertreibung, gehört die Erinnerung an die Gründung des Deutschen Kaiserreichs sowie die vorangegangenen „Einigungskriege“ nicht zum offiziellen, kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland, sondern ist fast ausnahmslos Spezialistenwissen. Um das zu ändern, erinnerte unser Verein Denk Mal Fort! mit mehreren Veranstaltungen 2021 und 2022 an die unmittelbare Vorgeschichte der Weimarer Republik, die Reichsgründung, die Epoche des „Wilhelminismus“ und deren erinnerungskulturelle wie geschichtspolitische Rezeption. Ziel war eine kritische Sicht auf das Kaiserreich, ohne es pauschal abzuwerten und damit zum Verschwinden zu bringen.

150. Jahrestag des Frankfurter Friedens
Gedenkveranstaltung
10. Mai 2021 Friedhof Dresden-Kaditz

Dass zur Geschichte der „Einigungskriege“ auch das Schicksal französischer Opfer und das Gedenken an diese gehören, machte unser Verein am Franzosengrab auf dem Friedhof in Dresden-Kaditz deutlich. Eine Gedenkfeier, an der als Ehrengast auch der Verteidigungsattaché in der Französischen Botschaft aus Berlin teilnahm, gedachte der 117 Soldaten, die im Gefangenenlager bei Übigau den miserablen Haftbedingungen zum Opfer gefallen waren. Um an sie zu erinnern, legten Schüler aus dem Landesgymnasium Sankt Afra in Meißen weiße Rosen an dem großen, in den Boden eingelassenen Gedenkkreuz nieder. Die Reden jenes Tages holten die leidvolle Geschichte der Gefangenen in unser Erinnern zurück.

150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg und Reichsgründung – (K)ein deutscher Erinnerungsort?
Vortrag und Gespräch
2. Juni 2021 Haus der Kathedrale

Einer der wichtigsten französischen Historiker, dessen Werk bis heute auch für die deutsch-französische Verständigung und eine gemeinsame Erinnerungskultur beider Länder steht, ist Professor Etienne Francois aus Berlin. Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe hielt er den Vortrag „150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg und Reichsgründung. (K)ein deutscher Erinnerungsort?“ und markierte darin die „blinden Flecken“ in Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der ehemaligen Kriegsgegner von 1870/71. Deutlich wurde – auch in der anschließenden Debatte mit dem Publikum – dass wir auf jene Jahre der Reichseinigung vor dem Hintergrund der späteren Erfahrung zweier Weltkriege zurückschauen. Aus dem alten, nach 1800 so genannten, „Erbfeind“ Frankreich wurde nach 1945 der „Freund jenseits des Rheines“, was allerdings für die Bewohner der alten Bundesrepublik eine größere Rolle gespielt hat als für Bürger der DDR.

Selten hat wohl eine Kirche so viel Blut gesehen.
Szenische Lesung
21. Juli 2021 Haus der Kathedrale

„Selten hat wohl eine Kirche so viel Blut gesehen,“ schrieb der Chirurg Karl Heinrich Needon (1825–1896), Königlich-Sächsischer Oberstabsarzt im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, in seinen Lebenserinnerungen. Zehn Jahre hatte er über sein Erleben der Schlacht um Gravelotte geschwiegen. Die Gründe dafür kann erahnen, wer seine Erinnerungen an den „70er Krieg“ studiert, die er 1880 niederschrieb: „Ich bin der Wahrheit allenthalben treu geblieben, habe mir keine Ausschmückung erlaubt, ja, in manchen Episoden bin ich eher kürzer als länger gewesen. Auch wollte ich durch spezielleres Darstellen mancher Erlebnisse, wie sie Kriege gewiss für jeden einzelnen bieten, nicht ermüdend oder langweilig werden. Aber es war an der Zeit, alles aufzuschreiben.“ Unter der Regie von Markward Herbert Fischer 2021 entwickelte das Literaturtheater Dresden ein Hörspiel zum Zuschauen, das am 21. Juli 2021 im Haus der Kathedrale in Dresden Premiere hatte. Neben Zitaten von Napoleon III., Wilhelm I., Bismarck, Moltke, Albert von Sachsen sowie Wilhelm Busch, Engels, Fontane, Goethe, Heine, Marx, Nietzsche… floss auch Musik Musik von Bizet, Crüger, Schumann in die Inszenierung ein.

Der „Eiserne Kanzler“ und „seine Deutschen“. Bismarck-Mythos und nationale Identität
Diskussionsveranstaltung
8. März 2022 Online

Zum „Eisernen Kanzler“ und dessen Mythos fand in Kooperation mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung ein Online-Gespräch zwischen dem kanadischen Historiker James Retallack aus Toronto – einem der besten Kenner des Deutschen Kaiserreichs –, der Journalistin und Historikerin Eva-Maria Schnurr (verantwortlich für SPIEGEL Geschichte) und dem Historiker Dr. Justus H. Ulbricht (Verein Denk Mal Fort, Dresden) statt. Nicht so sehr die reale Politik Bismarcks als vielmehr der Mythos des „Reichsschmiedes“ und des „Eisernen Kanzlers“ wurden zum Spiegel deutscher Befindlichkeiten zwischen Sedan und Auschwitz. Somit erkennen wir im Bismarck-Mythos weniger den Politiker selbst als vielmehr dessen Verehrer (oder Feinde). Das Bild Bismarcks wandelte sich erneut nach 1945 – dass es bis heute noch die Gemüter bewegt, wurde in der Diskussion über den Vortrag deutlich.

Historischer Hintergrund

Auch wenn die Einigungskriege und das Wilhelminische Kaiserreich im öffentlichen Gedächtnis weitgehend verblasst sind, so sind die Zeichen der Erinnerung an das „Reich“ und dessen Ende im Ersten Weltkrieg (der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“) in deutschen Regionen und Kommunen unübersehbar. Es existieren hunderte Sedan-, Bismarck-, Roon- und Moltke-Straßen oder nach Schlachten und Feldherren benannte Plätze. Denkmäler für Wilhelm I. und weitere regierende Fürsten des Kaiserreichs stehen an Straßen oder auf Plätzen von Dörfern und Städten. Insgesamt 174 Bismarcktürme und -säulen existieren auf dem heutigen Gebiet von Deutschland, aber auch in Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile. Weitere 66 dieser Bauwerke, unter anderem auf dem heutigen Gebiet von Dänemark und Papua-Neuguinea, existieren heute nicht mehr – über 300 dieser Erinnerungszeichen für den „Eisernen“ Kanzler und „Reichsschmied“ waren einst geplant.

In den erhaltenen oder restaurierten Gründerzeitvierteln deutscher Städte – auch in Dresden – schauen uns Herrscher- und Bismarckporträts, deutsche „Ritter“ und „Krieger“ und andere Repräsentanten des Wilhelminismus an, daneben prangen bisweilen die Wappen des Reiches und deutscher Bundesstaaten.
Monumentaldenkmäler, wie das Reiterdenkmal für Wilhelm I. am „Deutschen Eck“ in Koblenz (1897, rekonstruiert 1993), das ebenfalls zu Ehren Wilhelms I. 1892 bis 1896 errichtete Kyffhäuser-Denkmal („Barbarossa“-Denkmal) bei Bad Frankenhausen, der „Cheruskerfürst“ Hermann im Teutoburger Wald (1838–1875), das Wilhelm I.-Denkmal an der Porta Westfalica (1892–1896) oder das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig (1898–1913), zeugen vom machtpolitischen Selbstbewusstsein der Hohenzollern, der national(istisch)en Grundeinstellung vieler kaiserzeitlicher Bürger sowie von der Vorstellung, dass die deutsche Kaisergeschichte der Moderne, ja der Aufstieg Deutschlands zur europäischen Groß- und Weltmacht, bei den Germanen (Herrmann) und mit den Hohenstaufen (Barbarossa) begonnen habe.
Auf zahlreichen Friedhöfen sowie an oder in Kirchen überall in Deutschland erinnern tausende Gedenktafeln und Denkmäler an die Gefallenen von 1870/71. Auf großstädtischen „Gottesäckern“ erblicken wir in der Gestaltung von Erinnerungstafeln und Grabdenkmälern das kaiserzeitliche Selbstverständnis derjenigen Bürgerfamilien, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben.
Diese Fülle der Zeit- und Erinnerungszeichen bietet die Chance, an das Deutsche Kaiserreich kritisch zu erinnern und sich damit zu vergegenwärtigen, was zur Vorgeschichte unseres demokratischen Gemeinwesens gehört, dessen erster Anlauf in den zwanziger Jahren als „Weimarer Republik“ an den Klippen einer übermächtigen kaiserzeitlichen Vergangenheit und der damaligen Gegenwart antidemokratischer Gruppen und Parteien gescheitert ist.

Alle Veranstaltungen waren Teil der Reihe „Als aus Sachsen Deutsche wurden – 150 Jahre Deutsch-Französischer Krieg: Ereignis, Bedeutung, Nachwirkung“. Die Reihe wurde durch das Kulturamt der Landeshauptstadt Dresden im Rahmen der kommunalen Kulturförderung auf Grundlage des vom Stadtrat beschlossenen Doppelhaushaltes 2021/22 gefördert.